Bergauf

Bergauf!   Bergauf???   Bergauf!!!

 

April 2017:

Eine kleine Gruppe Mountainbiker kurbelt mit ihren Enduros in gemäßigtem Tempo einen breiten aber recht steilen Forstweg hoch. Dabei passieren sie eine Gruppe von Wanderern, zwei Frauen und zwei Männer, geschätztes Alter irgendwas zwischen Mitte 30 und Mitte 40.

Gegenseitiges Grüßen, erstaunte Blicke von Seiten der Wanderer. Eine der Frauen spricht aus, was die anderen vermutlich nur denken: „Habt ihr das gesehen, die fahren hier alle hoch ohne E…“

Es klingt im Kern ziemlich entsetzt, mit Anteilen aus Faszination und ungläubigem Staunen.

Hier der Versuch einer „Übersetzung“ bzw. eines Perspektivwechsels:

Wieso tun die sich das an, diesen steilen Weg ohne E-Unterstützung hochzufahren?

Warum sind die dazu in der Lage, ich würde das selbst nie schaffen…

..und wie können die dabei noch Spaß haben?

Das Durchschnittsalter der Mountainbiker und das der Wanderer lag  vermutlich relativ nah beisammen, außerdem waren da keine Profisportler unterwegs, sondern nur ein paar Freunde, die ein paar schöne Trails fahren wollten und Spaß am Mountainbiken und der gemeinsamen Tour hatten.

Obwohl ich solche Situationen schon oft erlebt habe: diese hier ist mir deutlich in Erinnerung geblieben. Mal wird freundlich und anerkennend von Wanderern kommentiert, dass man ja erstaunlicherweise! ohne Motor unterwegs sei, mal bekommt man belustigte Kommentare – und ab und an gibt’s auch mal die hämische Variante – vor allem, wenn der Berg sehr steil, man sichtlich angestrengt und dann noch am Sonntagnachmittag zur besten Kaffee- und Kuchenzeit unterwegs ist.

Oftmals zeigen die Blicke und Bemerkungen von Wanderern, wenn man sich im Uphill und vor allem im steilen Gelände begegnet, aber immer wieder dieselbe Verständnislosigkeit.

Verständnislosigkeit, sich einer solchen Anstrengung wie dem Bergauffahren aus eigener Kraft auszusetzen. Warum sollte man sich so eine solche Leistung abverlangen, zumal in Zeiten des E-Bikes?

Ist das nicht etwas, worauf man eigentlich verzichten könnte? Zumal, wenn es primär um Spaß und nicht um professionellen Rennsport geht?

Genau auf dieser Grundlage verkaufen sich heute E-Bikes bestens: keine Anstrengung, zu 100 % Spaß und frei Haus das Gefühl, sich zumindest bergauf wie ein Profi zu fühlen. Schneller sein zu können (zumindest im Uphill) als jeder konventionelle Mountainbiker. Also klassisches Win-Win. Oder?

Doch so einfach ist die Sache nicht.

Ich möchte im Gegenteil behaupten, dass Bergauffahren auf einem konventionellen MTB ohne Motorunterstützung selbst dann Sinn macht, wenn man – wie ich selbst – vor allem den Spaß auf Trails und technischen Abfahrten sucht, also viel Enduro fährt und auch ab und an auch mal in Bikeparks bzw. auf gebauten Strecken unterwegs ist.

Klar, bergauf fahren mit einem MTB, vor allem einem Fully mit viel Federweg, ist anstrengend und setzt eine gewisse Fitness voraus. Abhängig von der gewählten Strecke, von der Steigung, vom Alter, von der Tagesform und noch einigen anderen Indikatoren kann es auch schon mal so richtig „scheiß anstrengend“ sein. Jedenfalls gibt es für jeden seine persönliche Leistungsgrenze und ab und zu kommt es auch mal vor, dass man ordentlich Federn lassen muss.

Als Anfänger wird man schlicht nicht dazu in der Lage sein, gewisse Steigungen vernünftig fahren zu können, ohne in totale Überforderung und Schnappatmung zu geraten. Ich erinnere mich an einen Anstieg von gerade mal 100 Höhenmetern, den ich anfangs einfach nicht durchfahren konnte, weil die Steilheit in bestimmten Passagen zu groß für mich war. Ich tröstete mich damit, dass nach dem Anstieg ein schöner Trail auf mich wartete und motivierte mich dadurch dazu, diesen Anstieg immer wieder auf mich zu nehmen. Obwohl ich ihn „doof“ fand. Bis ich ihn dann plötzlich erst mit weniger Pausen und schließlich in einem durch hochfahren konnte. Mag sein, dass das ein wenig gedauert hat – umso größer war der Stolz, es dann doch endlich geschafft zu haben.

Ganz überraschend kam die Erkenntnis, dass sich mit der Uphill-Performance auch die Abfahrtsleistung verbesserte. Es war einfach nicht zu übersehen, dass mehr Kraft zur Verfügung stand, die Ausdauer stetig besser wurde und mit längeren Touren und einer dementsprechend größeren Anzahl von Trails auch der Spaß am Mountainbiken wuchs.

Und das war wirklich eine Win-Win-Situation.

Es ist eigentlich eine ganz simple Sache: Mountainbiken im Gelände bedeutet neben dem Spaß auf den Trails, dem Adrenalin auf den Abfahrten und dem Naturerlebnis ganz einfach auch sportliche Anstrengung – und auch die kann Spaß machen.

Nicht zu vergessen: ambitioniertes Abfahren auf technischen Trails kostet Kraft und zwar ganz gehörig, je nach Tempo und Schwierigkeitsgrad. Auch wenn die Fahrtechnik dabei entscheidend bleibt – die Frage stellt sich auch, wie lang man die nötige Konzentration und Körperspannung halten kann und dabei trotzdem in Armen und Beinen nicht verkrampft.

Jeder, der schon mal eine richtig lange fordernde Abfahrt von 800 bis 1000 Tiefenmetern am Stück gemacht hat, weiß, dass es irgendwann mit Hilfe eines Shuttleservices oder eines E-Motors allein auch nicht mehr weitergeht.

Natürlich wird man auf einem 14-kg-Enduro-Fully am Berg keine Höchstleistungen erbringen, aber es geht eigentlich ja auch nur darum, den Uphill zu absolvieren, ohne sich komplett verausgabt zu haben. Natürlich aber könnte ich mit einem E-MTB sehr viel schneller und müheloser den Berg „bezwingen“.

Um was zu erleben – Uphill Flow?

Den habe ich ganz ehrlich gesprochen und zu meinem eigenen Erstaunen manches Mal auch so, seitdem ich keine Angst mehr vor den Anstiegen habe und Berge nicht mehr „doof“ sind, sondern einen ganz normalen Abschnitt einer ganz normalen MTB-Tour darstellen.

Aber mehr Trails in kürzerer Zeit, das offizielle Mantra der E-Bike-Industrie, da ist doch was dran?

Fakt ist: ich fahre mittlerweile deutlich mehr Trails im Rahmen einer Tour als früher. Mehr Höhenmeter logischerweise auch. Der Zeitfaktor hat nicht wesentlich zugenommen und anstrengender fühlt es sich auch nicht an.

Also: mehr Trails und längere Touren fahren und dazu noch beim Uphill Spaß haben?

Dafür braucht es kein E-MTB, dafür braucht es allein etwas Durchhaltevermögen, Geduld und sportliche Ambition. Sofern kein körperliches Handicap vorliegt, ganz klar.

Nur deshalb, weil mir ein E-Bike den Weg auf den Berg „ebnet“, bin ich als ungeübter und untrainierter Fahrer noch lange nicht in der Lage, fordernde Abfahrten zu meistern und dann noch möglichst viele davon hintereinander. Das ist zu kurz gedacht und hat nichts mit der Realität zu tun.

Anders herum wird eine Sache aber sehr deutlich:

Durch das Fahren auf einem konventionellen MTB und den Verzicht auf „E“ schafft man sich eine solide Kraftausdauer als Grundlage für die eigene Fahrweise. Und die braucht man sehr wohl auch bei schnellen oder technischen Abfahrten im Gelände.

Wer die Anstrengung im Uphill von vornherein scheut und ohne Not auf den Hype des motorisierten Bikens aufspringt, bringt sich außerdem um eine erstaunliche Menge an Erfolgserlebnissen, die einen letztendlich zum vollständigeren Mountainbiker werden lassen, das ist meine ganz persönliche Meinung zu diesem Thema.

Den Wanderern, die einen verständnislos anschauen, nur weil man gerade einen steilen Weg berghoch fährt, würde man gerne zurufen:

Hey Leute, es ist keine Zumutung, Berge aus eigener Kraft hochzufahren!

Es ist einfach nur der sportliche Aspekt des Mountainbikens – mehr nicht, aber auch nicht weniger.